07.08.2012
Pressespiegel

Mit der „Powerwall" designen Ingenieure die optimale Fabrik

Erstellt von Mittelbadische Presse - Imke Rosebrock

Neue Labore für computergestützte Planungsverfahren und schlanke Produktion an der Hochschule Offenburg / Dreiteilige Lernfabrik

Von unserer Mitarbeiterin Imke Rosebrock

Offenburg. Ein Klick, und die Gebäu­dewand der Fabrik verschiebt sich um ein paar Meter zur Seite. Jetzt ist Platz für eine weitere Produktionsstraße. „Live mit dem Kunden können wir hier am Bildschirm die optimale Fertigungs­stätte entwerfen und dreidimensional darstellen", erläutert Jürgen Köbler das Prinzip des digitalen „Fabrikplanungs­tisches". Köhler ist Professor an der Fa­kultät für Wirtschaftsingenieurwesen und Leiter des neu eröffneten Labors für Virtual Engineering an der Hochschule Offenburg. „Der Bau lässt sich aus allen Winkeln einsehen und durchlaufen, da­mit können Ingenieure, Architekten oder auch Mitarbeiter aus der Produkti­on schon frühzeitig in die Planung ein­gebunden werden und Verbesserungs­vorschläge machen."

Virtual Engineering, also computerge­stützte Planungs­und Konstrukti­ons-verfahren, sollen klassische Zeichnungen erset­zen, den aufwendi­gen Bau von Proto­typen beschleuni­gen oder gar unnö­tig machen, Pro­duktionsprozesse, Arbeits- und Be­wegungsabläufe simulieren und schon frühzeitig optimieren. „Da­mit verkürzen sich die Entwicklungs­zeiten eines neuen Produktes", sagt Köbler, „und die Gesamtkosten sind besser kalkulier­bar."

Herzstück des Labors ist die „Powerwall", eine Leinwand, auf die Jürgen Köbler nun mit einem Beamer das Bild eines Hub­schraubercockpits wirft. „Wie im Kino setzen Sie eine 3-D-Brille auf", sagt er, und tat­sächlich, nun scheint das Cockpit im Raum zu schweben. Mit der portablen Steuerung zoomt Köbler das Gehäuse ran, bis der Betrachter glaubt, selbst auf dem Pilotensitz Platz zu nehmen und die Instrumente zu betrachten. „So lässt sich jedes Produkt durchleuchten", er­klärt Köbler, „selbst Großmaschinen, die nur schwierig als Prototyp zu bauen sind, oder auch komplette Fabriken können wir darstellen und von innen und außen bis ins Detail betrachten." Das Labor für Virtual Engineering ist die zweite Station in der „wertstromori­entierten Lernfabrik", in der die Offen- burger Studenten alle Schritte von der Produktidee über die Fabrikgestaltung bis zur Serienfertigung nach­vollziehen können. Die Entwicklung von 3-D-Modellen gehört in Offenburg schon längst zum Standard: Dabei wird mit einem speziellen Drucker aus einem zweidimensionalen Entwurf in nur we­nigen Stunden ein dreidimensionales Objekt aus Gips.

Der dritte Teil der Lernfabrik ist das Labor für Lean Manufacturing. Dabei geht es darum, die Produktion zu ver­schlanken und vor Ort in den Fabriken die Produktionsprozesse zu optimieren. „Doch bevor wir dafür Hightech einset­zen, müssen die Basics stimmen", sagt Karl Maisch, Professor und Leiter des Labors, „daher versuchen wir zuerst, mit möglichst einfachen Mechanismen die Abläufe zu verbessern, mit Mitteln, die möglichst wenig Kapital binden". Statt aufwendiger Automatisierungseinrichtungen stehen im Hochschulla­bor fahrbare Regale oder auch modulare Montagetische, die sich immer neuen Anforderungen anpassen können. Mit Hilfe von Planspielen lernen die Studie­renden, wie sich Wege verkürzen, Über­schüsse vermindern und Produktions­schritte besser aufeinander abstimmen lassen. „Solche Planspiele führen wir auch bei Unternehmen durch", sagt Maisch. Dabei erlebten die Mitarbeiter oft genug einen Aha-Effekt und könnten direkt Anregungen aus dem, Spiel in die eigene Produktion mitnehmen. „Bei an­deren Projekten gehen Studierende in ein Unternehmen und sehen sich die Si­tuation vor Ort an, analysieren Schwachstellen und entwickeln Verbesserungen." Maisch erklärt die Bedeutung des Lean Manufactu­ring: „Produktinnovationen sind heute nur noch schwierig zu realisieren, Pro­zessinnovationen werden daher für Un­ternehmen immer wichtiger, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen." Auch Jürgen Köbler bestätigt: „Ar­beitsgänge, die sich über Jahrzehnte eingefleischt haben, sind nicht deicht zu verändern. Aber der Wille, sich durch neue Technik und neue Methoden wei­terzuentwickeln, ist auch bei den klei­nen und mittleren Unternehmen längst vorhanden." Daher wollen die Offen­burger mit ihren neuen Laboren nicht nur ihre Studenten fit für die berufli­chen Anforderungen machen, sondern bieten ihre Räume, Technik und Kennt­nisse auch Unternehmen aus der Region an.

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