24.04.2018
Pressespiegel

Die Kanzlerin und die Ghettofaust

Erstellt von Mittelbadische Presse

Mit dem traditionellen Rundgang von Merkel ist die weltgrößte Industrieschau Hannover Messe für Besucher eröffnet worden

Roboter, wohin man blickt auf der Hannover Messe – einer klüger und feinfühliger als der andere. Künftig sollen Maschinen mit Menschen zusammenarbeiten. Auch Kanzlerin Merkel traut sich an die smarten Helfer heran – mit einer bei ihr ungewohnten Geste.

VON THOMAS STRÜNKELNBERG UND ANNE-SOPHIE GALLI Hannover. Kanzlerin Angela Merkel ist lässig wie selten: Mit dem sogenannten Faustgruß – umgangssprachlich als Ghettofaust bekannt – begrüßt sie beim traditionellen Rundgang auf der Hannover Messe einen Roboter. Zwar mit entschlossenem Blick, die Faust beim ersten Versuch aber verkehrt herum. »Ob das noch mal geht, das weiß ich nicht«, unkt die Kanzlerin am Stand des Automatisierungsexperten IBG. Doch, es geht. Beim schlichten Händeschütteln mit der Maschine wirkt sie schon zuversichtlicher – zuckt aber vorher bei einem deutlich größeren Kuka-Roboter zurück.

Für allzu viele Details bleibt während der Tour keine Zeit. Los geht es beim Partnerland Mexiko. Dessen Präsident Enrique Peña Nieto wird nicht müde zu betonen, dass sich sein Land in den vergangenen Jahren schrittweise verändert und vor allem geöffnet habe – es sei ein Land, »in das zu investieren sich lohnt«. Merkel wiederum setzt auf enge Beziehungen – leicht belastet allenfalls durch die bevorstehende Fußball- Weltmeisterschaft und das Aufeinandertreffen der Nationalmannschaften Mexikos und Deutschlands. Jedoch: »Das müssen wir aushalten «, sagt Merkel – und freut sich beim Austausch der Nationaltrikots mit dem mexikanischen Präsidenten.

Eigentlich aber geht es um Digitalisierung. Roboter sind überall auf der Messe – und sie werden immer schneller, immer sicherer und lernen selbst. Von Schutzzäunen in den Fabriken keine Rede mehr, in der Vision von Bosch Rexroth bewegen sich Roboter frei in den Werkhallen. Merkel ist sicher: Das Schlagwort der »Industrie 4.0« – der vernetzten Industrie – sei inzwischen »mit vielen Inhalten gefüllt«.

Aber manchmal hakt es doch – ausgerechnet beim Internetzugang: Der Baustoffhersteller Cemex will eigentlich eine neue App zeigen. Auf einer Karte sollen Kunden sehen, wo ihre Bestellungen gerade unterwegs sind. Aber um die App zu laden und auf einen Bildschirm zu übertragen, muss erst einmal ein Hotspot aufgebaut werden. Ein Mitarbeiter moniert: »Da spricht Merkel von »Industrie 4.0« – und dann funktioniert nicht mal das Internet gut genug. In Mexiko geht das viel besser.« Der schleppende Breitbandausbau in Deutschland holt die Kanzlerin sogar auf der weltgrößten Industriemesse ein.

Wo immer Merkel auftaucht, sind nicht nur Fernsehkameras – auch Arme von Messe- Besuchern und Ausstellern mit Smartphones recken sich in die Höhe. Für die Kanzlerin ist der Ausflug in die Welt der »Industrie 4.0« eigentlich Routine. Höfliches Händeschütteln, geduldiges Zuhören und angespanntes Lächeln vor einem Pulk von Journalisten aus aller Welt – sie kennt das.

Für das Projekt »Industrie4.0@ school« der David- Roentgen-Berufsschule aus Neuwied – gemeinsam mit dem Zentralverband der Elektroindustrie (ZVEI) – aber nimmt sie sich Zeit für ein Foto mit den Azubis. Und begegnet den Berufsschülern so trocken wie möglich: »Hallo erst mal, guten Tag, das ist der mexikanische Präsident.« Dann startet sie eine von den Schülern gebaute Anlage, deren Roboter eine Powerbank, also eine Aufladestation fürs Handy, fräsen. »Können Sie denn selber noch was zerspanen oder kann das nur der Roboter?«, will Merkel noch wissen. Die Schüler können sie beruhigen.

Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser wiederum zeigt der Kanzlerin, dass Datensammeln selbst bei der Rasenpflege hilft. Im Stadion von Bayern München messen Sensoren, wie feucht und beansprucht der Rasen ist – und wie gut gedüngt. Zusammen mit der Wettervorhersage helfen diese Daten dem Platzwart dabei, das Gras optimal zu pflegen. Daten gehen der Industrie über alles – mit individuellen Daten sei eine flexible Produktion nach individuellen Maßen möglich, erklärt Kaeser. Zum Beispiel Schuhe: Individuell entworfene Turnschuhe aus dem 3DDrucker schenkt er Merkel und Nieto.

Merkel wundert sich: »Aber ich habe Ihnen keine Daten gegeben für diese Schuhe«, sagte sie und drückt auf dem Schuh herum. »Es gibt im Bundeskanzleramt gut informierte Kreise«, macht Kaeser klar. Die entsprechende Technik werde helfen, Deutschland digital nach vorne zu bringen. »Ich verspreche Ihnen hier und heute, das schaffen wir«, sagt er der Kanzlerin. Dafür gibt es aber nur ein müdes Lächeln – den Satz kennt sie noch.

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